Im Mai 2026 hat der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments (EPRS) — das hauseigene Recherchezentrum, das Abgeordnete des Europäischen Parlaments mit Hintergrundpapieren versorgt — ein Policy-Briefing veröffentlicht, das ein bestimmtes Werkzeug erstmals ausdrücklich auf die Jugendschutz-Agenda setzt: das virtuelle private Netzwerk, kurz VPN.
Das Briefing schlägt kein Gesetz vor. Es enthält keinen Zeitplan. Aber es stellt eine Frage in den Raum, die in Brüssel gerade ernst genommen wird: Wenn ein Land Social-Media-Plattformen und Erwachsenenseiten verpflichtet, das Alter ihrer Nutzer zu prüfen — und Kinder reagieren darauf, indem sie ein VPN herunterladen, um die Prüfung zu umgehen — funktioniert das Gesetz dann überhaupt?
„Die Frage ist nicht, ob junge Menschen Zugang zu sozialen Medien haben sollten. Die Frage ist, ob soziale Medien Zugang zu jungen Menschen haben sollten."
Dieser Satz — am 12. Mai 2026 von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf dem Europäischen Gipfel zu Künstlicher Intelligenz und Kindern in Kopenhagen ausgesprochen — markiert das bisher klarste Signal, dass Brüssel das Verhältnis von Plattformen zu Kindern grundlegend neu gestalten will. Die Kommission hat angekündigt, dass der kommende Digital Fairness Act (DFA) „süchtig machende und schädliche Designpraktiken" direkt regulieren wird — endloses Scrollen, Autoplay, Push-Benachrichtigungen und die algorithmischen Systeme, die Minderjährige täglich stundenlang an ihre Bildschirme binden.
Regierungen weltweit schreiben die Regeln dafür neu, wie Social-Media-Plattformen mit Minderjährigen interagieren dürfen. Das Tempo hat sich seit dem flächendeckenden Unter-16-Verbot in Australien (Dezember 2025) deutlich erhöht. Mehrere EU-Mitgliedstaaten haben mit Unter-15-Gesetzen nachgezogen, und die EU selbst überlagert das Ganze mit dem Digital Services Act, dem kommenden Digital Fairness Act und einer EU-weiten Altersnachweis-App.
Diese Seite erfasst den aktuellen Stand in jedem behandelten Land — sortierbar nach Status, Altersgrenze oder Jahr. Monatlich aktualisiert. Wie die Statusfelder belegt und geprüft werden, ist in der Methodik-Seite dokumentiert.
In den achtzehn Monaten, nachdem Australien als erstes Land Social Media für Unter-16-Jährige verboten hat, ist die Politik über Atlantik und Ärmelkanal hinweg übernommen worden. Bis Mai 2026 haben fünf europäische Länder eigene Varianten verabschiedet oder aktiv in Gesetzgebung gebracht. Frankreich, Griechenland, Dänemark und Zypern haben sich auf 15 als Schwelle festgelegt. Die Türkei landet ebenfalls bei 15, allerdings mit einem deutlich anderen Durchsetzungsmodell, das Bürgerrechtsorganisationen kritisieren.
Dieser Artikel stellt die fünf Gesetze nebeneinander: Was wird jeweils untersagt, wie wird durchgesetzt, welche Strafen drohen und wie passt das in den breiteren EU-Rahmen, den der Digital Services Act und die neue EU-Altersnachweis-App zusammennähen.
In der Nacht zum 22. April 2026 hat das türkische Parlament ein Gesetz zur Einschränkung von Social Media für Kinder unter 15 Jahren verabschiedet. Die Schlagzeile liest sich zunächst wie jene aus Athen, Nikosia oder Paris in diesem Monat — wieder zieht ein europäisches Land eine Altersgrenze für soziale Plattformen. Die Details lesen sich ganz anders.
Anders als der Zero-Knowledge-Ansatz der EU ist das türkische Gesetz eng an das nationale Identitätssystem gekoppelt, fügt eine einstündige Löschpflicht für große Plattformen hinzu und trifft auf einen parallelen Gesetzentwurf, nach dem sich jede erwachsene Nutzerin und jeder erwachsene Nutzer über e-Devlet (nationale ID-Plattform) einloggen müsste. Genau deshalb bezeichnen Pressefreiheitsorganisationen, Juraprofessoren und Oppositionsabgeordnete das Vorhaben als etwas anderes als ein Kinderschutzgesetz.
Am 15. April 2026 hat die Europäische Kommission bekannt gegeben, dass ihre Altersnachweis-App technisch einsatzbereit ist. Das System basiert auf sogenannten Zero-Knowledge-Proofs — einem kryptografischen Verfahren, mit dem eine Person nachweisen kann, dass sie über einem bestimmten Alter liegt (13, 16 oder 18), ohne das tatsächliche Geburtsdatum oder andere persönliche Daten preiszugeben.
Sieben EU-Mitgliedstaaten — Frankreich, Spanien, Italien, Dänemark, Griechenland, Zypern und Irland — planen, die App bis Ende 2026 in ihre nationalen digitalen Identitätssysteme zu integrieren. Das Ziel: ein einheitlicher, datenschutzfreundlicher Standard, auf den Plattformen sich verlassen können — statt des aktuellen Flickenteppichs nationaler Regelungen.
Zypern ist das jüngste europäische Land, das soziale Medien für Kinder verbietet. Am 16. April 2026 gab Präsident Nikos Christodoulides bekannt, dass Kinder unter 15 Jahren in Zypern künftig keinen Zugang mehr zu Social-Media-Plattformen haben werden.
Die Ankündigung kommt nur einen Tag, nachdem die Europäische Kommission ihre Altersnachweis-App für einsatzbereit erklärt hat — und nur acht Tage nach der Ankündigung des gleichen Verbots durch das Nachbarland Griechenland.
Was wird verboten?
Das Verbot betrifft Social-Media-Plattformen, die auf nutzergenerierte Inhalte und algorithmische Feeds setzen:
Am 8. Oktober 2025 eröffnete die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen das Parlamentsjahr mit einem Satz, der den Ton für ganz Europa setzte: “Handys und soziale Medien stehlen unseren Kindern die Kindheit.” Einen Monat später stand die Einigung. Dänemarks Social-Media-Verbot für Unter-15-Jährige — mit elterlicher Zustimmung ab 13 — ist heute das Modell, auf das mehrere EU-Staaten am genauesten schauen.
Was das dänische Modell enthält, worin es sich von Australien oder Frankreich unterscheidet und was Familien wissen sollten:
Während Frankreich ein Verbot für unter 15-Jährige beschlossen hat und Griechenland dasselbe zum Jahr 2027 ankündigt, wird in Deutschland weiter über die Zahl an der Tür diskutiert. Am 13. April 2026 trafen zwei Beiträge aus sehr unterschiedlichen Richtungen am selben Tag ein: Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) veröffentlichte eine Bildungsmonitor-Analyse, die 13 als sinnvolles Mindestalter ins Spiel bringt, und in der taz nannte die Potsdamer Bildungsforscherin Nina Kolleck jede Altersgrenze — 13, 14 oder 16 — eine Kapitulation vor TikTok und Meta, solange die längst vorhandenen Gesetze nicht durchgesetzt werden.
TikTok ist für die meisten Kinder das erste soziale Netzwerk, das sie unbedingt haben wollen — und das letzte, bei dem Eltern ein gutes Gefühl haben. Dieses Bauchgefühl täuscht nicht. Die ehrliche Antwort auf die Frage „Ist TikTok sicher für mein Kind?" lautet 2026: Das hängt vom Alter des Kindes ab, davon, was Eltern einzurichten bereit sind, und davon, wie ausführlich in der Familie darüber gesprochen wird, was das Kind auf der Plattform sieht.