Im Mai 2026 hat der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments (EPRS) — das hauseigene Recherchezentrum, das Abgeordnete des Europäischen Parlaments mit Hintergrundpapieren versorgt — ein Policy-Briefing veröffentlicht, das ein bestimmtes Werkzeug erstmals ausdrücklich auf die Jugendschutz-Agenda setzt: das virtuelle private Netzwerk, kurz VPN.
Das Briefing schlägt kein Gesetz vor. Es enthält keinen Zeitplan. Aber es stellt eine Frage in den Raum, die in Brüssel gerade ernst genommen wird: Wenn ein Land Social-Media-Plattformen und Erwachsenenseiten verpflichtet, das Alter ihrer Nutzer zu prüfen — und Kinder reagieren darauf, indem sie ein VPN herunterladen, um die Prüfung zu umgehen — funktioniert das Gesetz dann überhaupt?
In der Nacht zum 22. April 2026 hat das türkische Parlament ein Gesetz zur Einschränkung von Social Media für Kinder unter 15 Jahren verabschiedet. Die Schlagzeile liest sich zunächst wie jene aus Athen, Nikosia oder Paris in diesem Monat — wieder zieht ein europäisches Land eine Altersgrenze für soziale Plattformen. Die Details lesen sich ganz anders.
Anders als der Zero-Knowledge-Ansatz der EU ist das türkische Gesetz eng an das nationale Identitätssystem gekoppelt, fügt eine einstündige Löschpflicht für große Plattformen hinzu und trifft auf einen parallelen Gesetzentwurf, nach dem sich jede erwachsene Nutzerin und jeder erwachsene Nutzer über e-Devlet (nationale ID-Plattform) einloggen müsste. Genau deshalb bezeichnen Pressefreiheitsorganisationen, Juraprofessoren und Oppositionsabgeordnete das Vorhaben als etwas anderes als ein Kinderschutzgesetz.
Am 8. Oktober 2025 eröffnete die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen das Parlamentsjahr mit einem Satz, der den Ton für ganz Europa setzte: “Handys und soziale Medien stehlen unseren Kindern die Kindheit.” Einen Monat später stand die Einigung. Dänemarks Social-Media-Verbot für Unter-15-Jährige — mit elterlicher Zustimmung ab 13 — ist heute das Modell, auf das mehrere EU-Staaten am genauesten schauen.
Was das dänische Modell enthält, worin es sich von Australien oder Frankreich unterscheidet und was Familien wissen sollten:
Während Frankreich ein Verbot für unter 15-Jährige beschlossen hat und Griechenland dasselbe zum Jahr 2027 ankündigt, wird in Deutschland weiter über die Zahl an der Tür diskutiert. Am 13. April 2026 trafen zwei Beiträge aus sehr unterschiedlichen Richtungen am selben Tag ein: Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) veröffentlichte eine Bildungsmonitor-Analyse, die 13 als sinnvolles Mindestalter ins Spiel bringt, und in der taz nannte die Potsdamer Bildungsforscherin Nina Kolleck jede Altersgrenze — 13, 14 oder 16 — eine Kapitulation vor TikTok und Meta, solange die längst vorhandenen Gesetze nicht durchgesetzt werden.
Griechenland hat angekündigt, Kindern unter 15 Jahren die Nutzung von Social Media zu verbieten — und die Ankündigung kam auf ungewöhnlichem Weg. Am 8. April 2026 veröffentlichte Premierminister Kyriakos Mitsotakis ein Video auf TikTok, um ein Verbot von… TikTok (und anderen Plattformen) für junge Nutzer bekannt zu geben.
„Wir haben beschlossen, etwas Schwieriges, aber Notwendiges zu tun — den Zugang zu Social Media für Kinder unter 15 Jahren zu verbieten", sagte der Premierminister in seiner Videobotschaft.
Frankreich wird eines der strengsten Länder der Welt beim Schutz von Kindern vor Social Media. Am 1. April 2026 stimmte der französische Senat einem Gesetzentwurf zu, der Kindern unter 15 Jahren die Nutzung von Social-Media-Plattformen verbieten soll — nachdem die Nationalversammlung bereits im Januar ähnlich abgestimmt hatte.
Was der Senat beschlossen hat
Der Gesetzentwurf führt ein zweistufiges System ein, um Minderjährige von Social Media fernzuhalten:
Plattform-Blacklist: Die französische Digitalregulierungsbehörde Arcom wird Social-Media-Plattformen klassifizieren und solche auf eine Blacklist setzen, die als schädlich für Kinder gelten. Plattformen auf der Blacklist müssen eine Altersverifikation einführen und verhindern, dass Minderjährige Konten erstellen oder unterhalten.
Regierungen auf der ganzen Welt ergreifen beispiellose Maßnahmen zum Schutz von Kindern im Internet. Im Jahr 2026 verändert eine Welle neuer Gesetze die Art und Weise, wie Technologieunternehmen mit jungen Nutzern umgehen müssen — und was Eltern von den Plattformen erwarten können, die ihre Kinder täglich nutzen.
Hier ein Überblick über die wichtigsten Kinderschutzgesetze, die in diesem Jahr in Kraft treten.
9
In Kraft
5
Verabschiedet
5
In Bearbeitung
2
Richtlinien
Kinderschutzgesetze nach Land
Land
Gesetz
Mindestalter
Status
Jahr
🇦🇺 Australien
Social Media Minimum Age Act 2024
16+
In Kraft
2024
🇬🇧 Vereinigtes Königreich
Online Safety Act 2023
13+
In Kraft
2023
🇩🇪 Deutschland
Jugendschutzgesetz (JuSchG)
13+
Richtlinien
2021
🇨🇳 China
Minderjährigenschutzgesetz + PIPL
14+
In Kraft
2021
🇰🇷 Südkorea
Jugendschutzgesetz
14+
In Kraft
2020
🇮🇪 Irland
Online Safety and Media Regulation Act
13+
In Kraft
2022
🇳🇱 Niederlande
DSGVO (UAVG) + DSA
16+
In Kraft
2024
🇸🇪 Schweden
DSGVO + DSA
13+
In Kraft
2024
🇬🇷 Griechenland
Social-Media-Verbot für Minderjährige (Entwurf)
15+
In Bearbeitung
2026
🇮🇩 Indonesien
Altersbeschränkung für Social Media
16+
In Kraft
2026
🇨🇾 Zypern
Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige
15+
Verabschiedet
2026
🇫🇷 Frankreich
Loi SREN + Social-Media-Verbot
15+
Verabschiedet
2026
🇧🇷 Brasilien
ECA Digital (Gesetz 15.211/2025)
12+
In Kraft
2025
🇮🇳 Indien
DPDP Act 2023
18+
Verabschiedet
2023
🇮🇹 Italien
DSA + Einwilligungsgesetz
14+
Verabschiedet
2025
🇪🇸 Spanien
Organisches Gesetz zum Schutz Minderjähriger in digitalen Umgebungen (Entwurf)