In den achtzehn Monaten, nachdem Australien als erstes Land Social Media für Unter-16-Jährige verboten hat, ist die Politik über Atlantik und Ärmelkanal hinweg übernommen worden. Bis Mai 2026 haben fünf europäische Länder eigene Varianten verabschiedet oder aktiv in Gesetzgebung gebracht. Frankreich, Griechenland, Dänemark und Zypern haben sich auf 15 als Schwelle festgelegt. Die Türkei landet ebenfalls bei 15, allerdings mit einem deutlich anderen Durchsetzungsmodell, das Bürgerrechtsorganisationen kritisieren.

Dieser Artikel stellt die fünf Gesetze nebeneinander: Was wird jeweils untersagt, wie wird durchgesetzt, welche Strafen drohen und wie passt das in den breiteren EU-Rahmen, den der Digital Services Act und die neue EU-Altersnachweis-App zusammennähen.

Für die laufende Länder-Statustabelle aller behandelten Staaten siehe den Länder-Tracker.

Die fünf Gesetze im Überblick

LandAlterStatusIn KraftDurchsetzungBesonderheit
🇫🇷 Frankreich15Verabschiedet2026Arcom-Blacklist + SRENSenatsvotum April 2026
🇬🇷 Griechenland15In BearbeitungJanuar 2027Portal des BildungsministeriumsAnkündigung April 2026
🇩🇰 Dänemark15In BearbeitungoffenEU-Altersnachweis-AppGastgeber EU-Gipfel Mai 2026
🇨🇾 Zypern15Verabschiedet2026EU-App + Digital Citizen IDSanktionen bis 6 % Umsatz
🇹🇷 Türkei15Verabschiedet2026Zentrale staatliche IDÜberwachungsstaats-Bedenken

Alle fünf bauen auf dem EU-Digital-Services-Act auf, der der Kommission bereits Werkzeuge gibt, Plattformen mit bis zu 6 % des weltweiten Jahresumsatzes zu belegen — etwa für die Suchtdesign-Risiken, die die Kommission im Februar 2026 gegenüber TikTok vorläufig festgestellt hat.

Wo die Gesetze sich gleichen

Vier gemeinsame Merkmale ziehen sich durch alle fünf:

Die Altersgrenze liegt bei 15, nicht bei 13. Das ist ein bewusster Bruch mit dem digitalen Einwilligungsalter der DSGVO (13–16, je nach Mitgliedstaat) und mit den Nutzungsbedingungen der Plattformen (meist 13). Regulierungsbehörden argumentieren: Die jugendliche Hirnentwicklung bis 15–16 — insbesondere exekutive Funktionen und Emotionsregulation — passt nicht zum belohnungsgetriebenen Geschäftsmodell sozialer Medien. Die 15-Jahres-Linie ist inzwischen die europäische Norm.

Geltungsbereich ist „Social Media", nicht „das Internet". Alle fünf Gesetze zielen auf Dienste, deren Hauptfunktion feedbasiertes soziales Posten ist — Instagram, TikTok, Snapchat, X. Messenger, Online-Spiele, Suchmaschinen und Bildungsplattformen sind ausgenommen. Das ist eine engere Abgrenzung als US-Ansätze à la „Kids Online Safety", die eine breitere Kategorie „von Minderjährigen wahrscheinlich genutzter Online-Dienste" regulieren wollen.

Durchsetzung steht und fällt mit dem Altersnachweis. Keines dieser Gesetze funktioniert operativ, ohne zu wissen, wer unter 15 ist. Frankreich, Griechenland, Dänemark, Zypern und Irland haben sich alle als Pilotländer der EU-Altersnachweis-App registriert, die die Kommission im April 2026 als technisch einsatzbereit gemeldet hat. Die App nutzt Zero-Knowledge-Beweise — Nutzer können beweisen, über einer Schwelle zu liegen, ohne Geburtsdatum oder andere persönliche Daten preiszugeben. Ohne diese Infrastruktur bleiben die Gesetze Absichtserklärung; mit ihr werden die Regeln operationell.

Strafen knüpfen an den DSA an. Mehrere Länder verweisen ausdrücklich auf die DSA-Obergrenze von 6 % des weltweiten Umsatzes, statt eigene Bußgelder zu erfinden. Zypern tut das am klarsten; Frankreichs SREN-Gesetz legt eine nationale Durchsetzungsspur darüber.

Wo die Gesetze sich unterscheiden

Frankreich: Arcom-Blacklist + SREN-Plattformpflichten. Das französische Modell nutzt Arcom, die Medienaufsicht, um eine Sperrliste von Diensten zu führen, die die Unter-15-Grenze nicht durchsetzen. Das SREN-Gesetz gibt der Behörde zudem die Befugnis, ISPs zur Blockade gelisteter Dienste zu verpflichten. Die Durchsetzung läuft zentral über Arcom; Plattformen müssen Altersprüfungen einsetzen, die mit der EU-App kompatibel sind, oder gelistet werden.

Griechenland: Bildungsportal-Route. Griechenland hat das Unter-15-Verbot im April 2026 angekündigt, mit Januar 2027 als angestrebtem Wirkdatum. Die Durchsetzung läuft über das nationale Schülerportal des Bildungsministeriums — dieselbe Infrastruktur, die Schulakten mit der Gov.gr-Identität verknüpft. Das Modell setzt darauf, dass eine zentralisierte staatliche Identitätsschicht der sauberste Altersnachweis-Pfad ist. Die Kehrseite: Daten konzentrieren sich in einem einzigen staatlichen System — eine andere Datenschutzhaltung als das Zero-Knowledge-Modell der EU-App.

Dänemark: reine EU-App-Integration. Dänemark war Gastgeber des Europäischen Gipfels zu KI und Kindern am 12. Mai 2026, auf dem Ursula von der Leyen den Digital Fairness Act ankündigte. Das dänische Modell stützt sich stark auf die EU-Altersnachweis-App als Durchsetzungsebene; die nationale Gesetzgebung umrahmt die Pflicht, baut aber keine parallele Infrastruktur auf.

Zypern: Dual-Stack mit nationaler Digital-Citizen-ID. Zypern kombiniert die EU-Altersnachweis-App mit der bestehenden Digital-Citizen-Identitätswallet des Landes. Zwei Wege zum selben Altersnachweis — das Argument der Regierung: das Risiko, dass Verzögerungen beim EU-App-Rollout die nationale Durchsetzung ausbremsen, sinkt. Sanktionen entsprechen der DSA-Obergrenze von 6 % des Umsatzes.

Türkei: zentralisierte staatliche Identität. Das türkische Modell nutzt die e-Devlet-Identitätsinfrastruktur für den Altersnachweis. Funktional ähnlich dem griechischen Ansatz, doch mit anderer Brisanz: Die türkische Bilanz bei Pressefreiheit, Überwachung der Opposition und Plattformsperren macht eine staatlich kontrollierte Identitätsebene für Social-Media-Zugang zu einer grundlegend anderen Frage als das EU-App-Modell. Siehe den Türkei-Artikel für die bürgerrechtliche Dimension.

Was die Gesetze noch nicht regeln

Bestehende Accounts. Die meisten Gesetze gelten für Neuanmeldungen. Was passiert mit einer 14-Jährigen, die bereits ein Instagram-Konto hat? Frankreich und Zypern haben signalisiert, dass Plattformen minderjährige Konten beenden müssen; Griechenland entwirft noch. Klare Fristen sind nicht veröffentlicht.

Grenzüberschreitende Durchsetzung. Eine französische 14-Jährige, die per VPN als deutsche 14-Jährige registriert wird (wo Deutschland kein Unter-15-Verbot hat), sitzt in einer regulatorischen Grauzone. Der DSA gibt Plattformen eine Sorgfaltspflicht, die sich wohl über Grenzen erstreckt; die praktische Frage — welche nationale Behörde verfolgt welche Plattform — ist offen.

Elterliches Override. Mehrere Entwürfe sehen eine Eltern-Einwilligungsspur vor: Eltern können eine 14-Jährige mit verifizierter Einwilligung freischalten. Die Details (wie verifiziert, wie widerruflich, wie protokolliert) variieren über die fünf Gesetze und werden noch ausgearbeitet.

Bildungs- und familiennahe Plattformen. Discord, Telegram, Roblox, Minecraft und YouTube liegen am Rand der „Social-Media"-Definition. Jedes Gesetz zieht die Linie etwas anders, und Plattformen mit mehreren Modi (Feed und Chat und Marktplatz) werden wahrscheinlich Stück für Stück neu eingeordnet.

Wie das ins größere EU-Bild passt

Die nationalen Verbote sind eine von drei Spuren, die die EU fährt:

  1. Nationale Unter-15-Gesetze (dieser Artikel): plattformseitige Pflichten, durchgesetzt von nationalen Behörden.
  2. Der Digital Services Act: EU-weite Plattformregulierung, mit der Kommission, die direkt bei systemischen Risiken Bußgelder verhängt. Die vorläufige Feststellung gegen TikTok zum Suchtdesign ist der erste große Test.
  3. Der Digital Fairness Act: ein Vorschlag für Q4 2026, der den DSA-Rahmen auf Suchtdesign, Dark Patterns, Spielwährungen, Influencer-Marketing an Minderjährige und KI-Einsatz in sozialen Medien ausweitet.

Diese drei Spuren laufen nicht parallel — sie schichten sich. Eine französische 14-Jährige fällt unter SREN (national), unter den DSA (EU-Ebene, Suchtdesign) und (wenn er kommt) unter den Digital Fairness Act. Strafen kumulieren. Die Altersnachweis-App ist das Bindegewebe, das alles erst durchsetzbar macht.

Was das für Familien bedeutet

Der praktische Stand Mitte 2026:

  • In Frankreich, Zypern, Griechenland, Dänemark oder der Türkei sind Social-Media-Dienste für Unter-15-Jährige entweder bereits gesetzlich eingeschränkt oder werden es binnen zwölf Monaten.
  • Die Durchsetzung greift, sobald die Altersnachweis-Infrastruktur live ist — der öffentliche Download wird für Sommer 2026 erwartet, nationale Wallet-Integrationen folgen bis Jahresende.
  • Bestehende Konten sind eine separate Frage; Plattformen sollen minderjährige Konten beenden, doch Fristen sind nicht veröffentlicht.
  • Der DSA gibt der EU-Kommission ein Werkzeug, Plattformen wegen Suchtdesigns unabhängig von nationalen Verboten in Milliardenhöhe zu belegen. Diese Spur bewegt sich bereits, unabhängig davon, was nationale Parlamente tun.

Konkrete Schritte, die Familien jetzt schon umsetzen können: die EU-Altersnachweis-App im Überblick und der Leitfaden zu mehrschichtigem Online-Schutz.

Die Länder-Tiefenartikel

Für die laufende Statustabelle siehe den Tracker. Für die EU-Rahmensicht siehe den globalen Überblick zur Kinderschutzgesetzgebung 2026.


Dieser Artikel ist eine Synthese. Jede Aussage zu einem einzelnen Landesgesetz verlinkt auf den Tiefenartikel zu diesem Land, in dem die Primärquellen (Gesetzestexte, Behördenmitteilungen, Parlamentsprotokolle) belegt sind. Veraltete Statusangaben oder neue Entwicklungen melden per E-Mail an service@agiliton.eu.